Chronische Rückenschmerzen: Was kann dieses neue Cannabis-Arzneimittel?

Chronische Rückenschmerzen gehören zu den Beschwerden, die den Alltag besonders hartnäckig ausbremsen können. Seit Kurzem steht für eine bestimmte Patientengruppe ein neues verschreibungspflichtiges Fertigarzneimittel auf Cannabisbasis zur Verfügung. Doch wie belastbar sind die Studien, welche Risiken gibt es und worin unterscheidet sich das Präparat von medizinischen Cannabisblüten?

24. August 2026 6 Minuten

Neues Cannabis-Arzneimittel bei chronischen Rückenschmerzen

TL;DR: Ein verspannter Rücken nach einem langen Arbeitstag ist unangenehm, aber meist vorübergehend. Anders sieht es bei chronischen Kreuzschmerzen aus. Sie können über Monate bestehen, die Beweglichkeit einschränken, den Schlaf stören und die Leistungsfähigkeit im Alltag deutlich reduzieren.

Besonders schwierig wird die Behandlung, wenn zusätzlich Nerven an den Beschwerden beteiligt sind. Genau in diesem Bereich wurde in den vergangenen Jahren ein standardisierter Cannabis-Vollspektrumextrakt mit der Studienbezeichnung VER-01 untersucht. Das Präparat soll in Deutschland als verschreibungspflichtiges Fertigarzneimittel unter dem Handelsnamen Exilby® verfügbar sein.

🧪 Was ist an dem neuen Arzneimittel anders?

Medizinisches Cannabis ist ein Sammelbegriff. Darunter fallen Cannabisblüten, verschiedene Extrakte, individuell hergestellte Rezepturen und zugelassene Fertigarzneimittel. Diese Produkte unterscheiden sich deutlich voneinander.

Bei einem Fertigarzneimittel sind Zusammensetzung und Herstellung standardisiert. Für eine Zulassung müssen zudem Daten zu Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit vorgelegt werden. Das unterscheidet ein geprüftes Fertigarzneimittel grundsätzlich von nicht zugelassenen Cannabiszubereitungen.

Nach Herstellerangaben richtet sich das neue Präparat an Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen, bei denen zusätzlich eine radikuläre beziehungsweise neuropathische Schmerzkomponente vorliegt. Es geht also nicht um gewöhnliche Rückenschmerzen nach Sport, Gartenarbeit oder langem Sitzen.

🔬 Große Phase-3-Studie mit mehr als 800 Teilnehmern

Eine zentrale wissenschaftliche Grundlage liefert eine randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Phase-3-Studie, die 2025 in Nature Medicine veröffentlicht wurde.

In die Studie wurden 820 Erwachsene mit chronischen Kreuzschmerzen aufgenommen. Während der kontrollierten Behandlungsphase erhielten die Teilnehmer entweder VER-01 oder ein Placebo.

Unter VER-01 ging die durchschnittliche Schmerzintensität stärker zurück als in der Placebogruppe. Der Unterschied war statistisch signifikant.

📊 Wie stark war der Effekt?

Bei Medikamentenstudien ist nicht nur entscheidend, ob ein Unterschied statistisch nachweisbar ist, sondern auch, wie groß dieser Unterschied tatsächlich ausfällt.

Auf einer Schmerzskala von 0 bis 10 betrug der zusätzliche Unterschied gegenüber Placebo in der kontrollierten Studienphase durchschnittlich etwa 0,6 Punkte.

Das zeigt einen messbaren Behandlungseffekt, sollte aber nüchtern eingeordnet werden. Ein statistisch signifikanter Unterschied bedeutet nicht automatisch, dass alle Behandelten eine starke Verbesserung erleben. Manche Patienten profitieren stärker, andere weniger und bei einigen kann die Wirkung gering ausfallen.

Im weiteren Verlauf der Untersuchung wurden zusätzliche Verbesserungen beobachtet. Da spätere Studienabschnitte jedoch nicht mehr in gleicher Weise placebokontrolliert waren, sind diese Ergebnisse wissenschaftlich zurückhaltender zu bewerten.

Langes Sitzen kann Rückenbeschwerden verstärken. Halten die Schmerzen dauerhaft an, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. (KI-generiert)
Langes Sitzen kann Rückenbeschwerden verstärken. Halten die Schmerzen dauerhaft an, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. (KI-generiert)

🧠 Wenn Nerven am Rückenschmerz beteiligt sind

Bei einer neuropathischen Schmerzkomponente spielen gereizte oder geschädigte Nerven eine Rolle. Solche Schmerzen können sich anders anfühlen als rein muskuläre Beschwerden.

Möglich sind zum Beispiel brennende, stechende oder elektrisierende Empfindungen sowie Schmerzen, die vom Rücken in andere Körperregionen ausstrahlen.

Diese Symptome allein reichen jedoch nicht aus, um eine neuropathische Ursache festzustellen. Entscheidend ist eine ärztliche Untersuchung und Diagnose.

😴 Schlaf und Funktion waren ebenfalls Studienendpunkte

Chronische Schmerzen beeinflussen häufig mehrere Lebensbereiche gleichzeitig. Deshalb untersuchten die Wissenschaftler nicht nur die reine Schmerzintensität.

In der Phase-3-Studie zeigten sich unter VER-01 auch Unterschiede bei Schlaf und körperlicher Funktionsfähigkeit zugunsten der Behandlung.

Solche Ergebnisse können Hinweise darauf geben, wie sich eine Therapie im Alltag auswirkt. Sie sind aber keine Garantie dafür, dass jeder einzelne Patient besser schläft oder beweglicher wird.

⚖️ Wie schnitt VER-01 im Vergleich zu Opioiden ab?

Eine zweite randomisierte Phase-3-Studie untersuchte 384 Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen über sechs Monate. Dabei wurde VER-01 direkt mit einer Opioidtherapie verglichen.

Über den gesamten Untersuchungszeitraum war die durchschnittliche Schmerzreduktion unter VER-01 etwas stärker. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen fiel allerdings relativ klein aus.

Bei den Nebenwirkungen zeigten sich ebenfalls Unterschiede. Besonders Verstopfung, eine bekannte Begleiterscheinung von Opioiden, wurde unter VER-01 seltener beobachtet.

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass cannabinoidbasierte Arzneimittel grundsätzlich besser geeignet sind als Opioide. Beide Medikamentengruppen haben unterschiedliche Einsatzgebiete, Risiken und Grenzen. Welche Behandlung infrage kommt, muss individuell medizinisch entschieden werden.

⚠️ Welche Nebenwirkungen wurden beobachtet?

Auch ein Arzneimittel mit pflanzlichem Ausgangsstoff kann unerwünschte Wirkungen haben. In den klinischen Untersuchungen zu VER-01 wurden unter anderem Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit, Mundtrockenheit und Schläfrigkeit berichtet.

Die meisten Nebenwirkungen wurden als leicht bis mittelschwer beschrieben. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse waren in der vorliegenden Studie selten.

In den veröffentlichten Untersuchungen fanden die Wissenschaftler keine Hinweise auf Arzneimittelmissbrauch, Abhängigkeit oder Entzugssymptome. Daraus sollte jedoch nicht die pauschale Aussage abgeleitet werden, ein entsprechendes Risiko sei unter allen Bedingungen ausgeschlossen.

🌿 Cannabisblüten oder Fertigarzneimittel – wo liegt der Unterschied?

Der Begriff „medizinisches Cannabis“ kann leicht den Eindruck erwecken, alle Cannabisprodukte seien miteinander vergleichbar. Tatsächlich gibt es deutliche Unterschiede.

Ein zugelassenes Fertigarzneimittel durchläuft ein reguläres Zulassungsverfahren und wird mit einer definierten Zusammensetzung hergestellt. Cannabisblüten und individuell angefertigte Rezepturen sind davon zu unterscheiden.

Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich 2026 verändert. Seit dem 30. Juli können getrocknete Cannabisblüten nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden.

Chronische Rückenschmerzen können unterschiedliche Ursachen haben. Welche Behandlung geeignet ist, sollte individuell ärztlich abgeklärt werden. (KI-generiert)
Chronische Rückenschmerzen können unterschiedliche Ursachen haben. Welche Behandlung geeignet ist, sollte individuell ärztlich abgeklärt werden. (KI-generiert)

📋 Was gilt bei einer neuen Cannabistherapie?

Nach einer aktuellen rechtlichen Bewertung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung soll bei einer erstmaligen Cannabistherapie grundsätzlich zunächst ein cannabishaltiges Fertigarzneimittel eingesetzt werden.

Die KBV geht dabei davon aus, dass dieser Vorrang auch bei einer Verordnung außerhalb des jeweils zugelassenen Anwendungsgebietes gilt. Vorgesehen ist grundsätzlich ein Therapieversuch von sechs Monaten.

Wenn die Behandlung nicht ausreichend wirkt oder nicht vertragen wird, kann sie ärztlich früher beendet und gegebenenfalls eine andere Therapie gewählt werden.

Für bereits laufende Cannabisbehandlungen und einzelne Versorgungssituationen können andere Regelungen gelten. Ob die gesetzliche Krankenkasse eine konkrete Therapie übernimmt, sollte daher immer im Einzelfall geklärt werden.

🏃 Medikamente sind meist nur ein Teil der Rückenschmerztherapie

Ein neues Arzneimittel verändert nichts daran, dass chronische Rückenschmerzen sehr unterschiedliche Ursachen haben können.

Je nach Diagnose können neben Medikamenten beispielsweise gezielte Bewegung, Physiotherapie, Training, psychologische Schmerztherapie und weitere Verfahren Bestandteil einer Behandlung sein.

Gerade bei lang anhaltenden Beschwerden sollte deshalb nicht ausschließlich nach dem nächsten Schmerzmittel gesucht werden. Wichtiger ist eine genaue medizinische Abklärung und ein Behandlungskonzept, das zur Ursache der Beschwerden passt.

✅ Was lässt sich bisher seriös sagen?

Für den untersuchten Cannabis-Vollspektrumextrakt liegen große randomisierte Phase-3-Studien vor. In einer placebokontrollierten Untersuchung wurde ein statistisch signifikanter zusätzlicher Effekt auf die Schmerzintensität festgestellt. Auch Daten zu Schlaf, körperlicher Funktion und Nebenwirkungen wurden veröffentlicht.

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, warum eine sachliche Einordnung wichtig ist. Der durchschnittliche Unterschied gegenüber Placebo war messbar, aber nicht riesig. Nebenwirkungen können auftreten, und eine erfolgreiche Behandlung bei einem Patienten sagt nichts darüber aus, wie gut ein anderer darauf reagieren wird.

Das neue Fertigarzneimittel erweitert damit die medikamentösen Möglichkeiten bei bestimmten chronischen Kreuzschmerzen. Eine pauschale Lösung für Rückenschmerzen ist es nicht. 💡

📚 Quellen

  • Karst M., Meissner W., Sator S. et al.: Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic back pain: a randomized, placebo-controlled phase 3 study. Nature Medicine 31, 4189–4196 (2025). DOI: 10.1038/s41591-025-03977-0.
  • Meissner W., Argoff C., Sator S. et al.: VER-01 shows enhanced gastrointestinal tolerability, superior pain relief, and improved sleep quality compared to opioids in treating chronic low back pain: a randomized phase 3 clinical trial. Pain and Therapy (2025). DOI: 10.1007/s40122-025-00773-z.
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Informationen zu Cannabisarzneimitteln und den seit Juli 2026 geltenden Verordnungsregelungen, Stand August 2026.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung.

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