Mini-Workout mit maximaler Belastung: REHIT im Faktencheck
Zwei Sprints, insgesamt 40 Sekunden Vollgas: REHIT soll die Ausdauer in nur zehn Minuten verbessern. Wir zeigen, was Studien wirklich belegen.
REHIT verspricht mehr Ausdauer mit zwei 20-Sekunden-Sprints. So funktioniert das Training – und das sagen Studien zu Wirkung und Risiken.
🚴 Key Facts im Überblick
- Was ist REHIT?
- Hilft das Kurztraining auch beim Abnehmen?
- Was ist über Blutzucker und Insulinsensitivität bekannt?
REHIT-Training: Was 40 Sekunden Vollgas wirklich bringen
20 Sekunden können verdammt lang sein. Vor allem dann, wenn die Beine gegen einen hohen Widerstand arbeiten, der Puls nach oben schießt und jede Umdrehung schwerer fällt. Kurz erholen, dann noch einmal dasselbe – mehr maximale Sprintzeit sieht eine typische REHIT-Einheit nicht vor.
Was zunächst nach einem Fitnessversprechen aus den sozialen Medien klingt, wird tatsächlich seit mehr als einem Jahrzehnt wissenschaftlich untersucht. REHIT steht für Reduced-Exertion High-Intensity Interval Training. Gemeint ist eine besonders kurze Variante des Sprint-Intervalltrainings: wenig Trainingsvolumen, dafür wenige Sekunden mit maximalem Einsatz.
Die entscheidende Frage lautet jedoch: Können zwei kurze Sprints ein längeres Ausdauertraining wirklich ersetzen? Die ehrliche Antwort ist differenziert. REHIT kann die kardiorespiratorische Fitness messbar verbessern. Ein vollständiges Ausdauer- oder Fitnessprogramm wird aus 40 Sekunden Vollgas trotzdem nicht.

Was ist REHIT?
REHIT wurde entwickelt, um die kleinstmögliche Trainingsdosis zu finden, die noch spürbare Anpassungen auslöst. Ein häufig untersuchtes Protokoll dauert rund zehn Minuten und findet auf einem Fahrradergometer statt. In die überwiegend lockere Einheit werden zwei maximale Sprints eingebaut.
Ein typischer Ablauf sieht so aus:
- Zwei bis drei Minuten locker einrollen
- 20 Sekunden mit maximalem Einsatz sprinten
- Rund drei Minuten locker weiterfahren
- Weitere 20 Sekunden maximal sprinten
- Zwei bis drei Minuten locker ausfahren
Damit besteht die Einheit nicht nur aus 40 Sekunden Bewegung. Aufwärmen, aktive Erholung und Abkühlen gehören zwingend dazu. Gerade nach einem All-out-Sprint sollte niemand abrupt vom Rad steigen.
In der grundlegenden Untersuchung von Richard Metcalfe und seinen Kollegen wurden die Teilnehmer außerdem schrittweise an die Belastung herangeführt: zunächst zehn Sekunden, anschließend 15 Sekunden und erst in den letzten Wochen 20 Sekunden pro Sprint. Sie trainierten drei Mal pro Woche über sechs Wochen. Die aerobe Leistungsfähigkeit stieg bei den untersuchten Männern um 15 und bei den Frauen um 12 Prozent. Allerdings war die Studie mit insgesamt 29 jungen, gesunden und zuvor wenig aktiven Erwachsenen klein. Ihre Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf jeden Mann, jedes Alter und jede gesundheitliche Ausgangslage übertragen. Originalstudie im European Journal of Applied Physiology
REHIT, HIIT und SIT: Wo liegt der Unterschied?
Die Begriffe werden häufig durcheinandergeworfen. HIIT umfasst meist Intervalle von einer bis mehreren Minuten bei hoher, aber nicht zwingend maximaler Intensität. Beim Sprint-Intervalltraining, kurz SIT, wird dagegen für sehr kurze Zeit maximal beschleunigt. REHIT ist eine besonders volumenarme Form davon.
Das Wort „Reduced-Exertion“ kann dabei täuschen. Reduziert wird vor allem der Umfang – nicht die Intensität. Die beiden Sprints sollen tatsächlich maximal sein. Wer am Ende noch locker einen dritten und vierten Sprint in derselben Qualität absolvieren könnte, hat den vorgesehenen Reiz vermutlich nicht erreicht.

Was bringt REHIT für die VO2max?
Im Mittelpunkt der Forschung steht vor allem die VO2max. Sie beschreibt, wie viel Sauerstoff der Körper unter maximaler Belastung aufnehmen und verwerten kann, und gilt als wichtiger Messwert der kardiorespiratorischen Fitness. Eine 2024 veröffentlichte Übersichtsarbeit fasste die bis dahin vorliegenden REHIT-Daten zusammen. Ihr Fazit: Das zeitsparende Protokoll kann die kardiorespiratorische Fitness verbessern, auch wenn die gesamte harte Belastungszeit ausgesprochen kurz ist. Übersichtsarbeit in Applied Physiology, Nutrition, and Metabolism
Interessant ist außerdem eine Studie mit körperlich inaktiven Erwachsenen: Zwei Einheiten pro Woche verbesserten die maximale aerobe Kapazität nach sechs Wochen im Mittel um rund zehn Prozent. Drei oder vier wöchentliche Einheiten brachten in dieser Untersuchung keinen zusätzlichen Vorteil. Das spricht dafür, dass bei extrem intensivem Training nicht automatisch mehr auch mehr bewirkt. Es beweist jedoch nicht, dass zwei Einheiten für jeden Menschen die optimale Dosis sind. Studie zur Trainingshäufigkeit
Auch eine Meta-Analyse zu Sprint-Intervalltraining kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Weniger Sprintwiederholungen schmälerten die Verbesserung der VO2max nicht. Im Mittel stieg die VO2max in den ausgewerteten Studien um 7,8 Prozent. Die Analyse umfasste allerdings verschiedene SIT-Protokolle und ist daher kein Beleg dafür, dass jedes beliebige Training mit zwei Sprints automatisch dieselbe Wirkung erzielt. Meta-Analyse in Medicine & Science in Sports & Exercise
Schlägt REHIT wirklich 150 Minuten Ausdauertraining?
Diese Schlagzeile klingt gut, geht aber weiter als die Daten. In einer achtwöchigen Untersuchung mit zuvor inaktiven Erwachsenen verbesserte REHIT die gemessene kardiorespiratorische Fitness stärker als moderates kontinuierliches Training. Die REHIT-Gruppe absolvierte zwei rund zehnminütige Einheiten pro Woche, die Vergleichsgruppe trainierte fünf Mal wöchentlich jeweils 30 Minuten. Neben der VO2max verbesserten sich einzelne kardiometabolische Werte.
Aus einer einzelnen, relativ kleinen Studie lässt sich jedoch kein allgemeiner Sieg über klassisches Ausdauertraining ableiten. Lange, moderate Einheiten erfüllen Aufgaben, die zwei kurze Sprints nicht abdecken: Sie erhöhen den gesamten Energieverbrauch, trainieren die Belastungsverträglichkeit über längere Zeit und schaffen die spezifische Grundlage für Wanderungen, Radtouren, Läufe oder Ausdauerwettkämpfe. Randomisierte Vergleichsstudie im International Journal of Environmental Research and Public Health
REHIT ist deshalb eher ein hocheffizienter Zusatz oder eine Minimaloption für Tage mit wenig Zeit – kein wissenschaftlicher Freibrief, jede andere Bewegung aus dem Wochenplan zu streichen.
Hilft das Kurztraining auch beim Abnehmen?
Als reines Abnehmprogramm ist REHIT kaum überzeugend. Zwar kann intensives Training Stoffwechselprozesse anstoßen, doch 40 Sekunden Sprintarbeit verbrauchen deutlich weniger Energie als eine längere Laufeinheit, eine ausgedehnte Radtour oder zügiges Gehen über eine Stunde. In der direkten Vergleichsstudie veränderte sich das Körpergewicht weder durch REHIT noch durch das moderate Ausdauerprogramm wesentlich.
Wer Körperfett verlieren will, braucht weiterhin eine passende Energiebilanz, ausreichend Alltagsbewegung und idealerweise Krafttraining. REHIT kann die Fitness verbessern, ohne viel Zeit zu beanspruchen. Es ist aber kein 40-Sekunden-Trick gegen Übergewicht.

Was ist über Blutzucker und Insulinsensitivität bekannt?
Hier ist die Datenlage uneinheitlich. In der frühen Studie von 2012 verbesserte sich die Insulinsensitivität bei den männlichen Teilnehmern um 28 Prozent, bei den Frauen jedoch nicht. Spätere Untersuchungen konnten diesen Effekt nicht zuverlässig bestätigen. Bei Männern mit Typ-2-Diabetes verbesserte REHIT weder die nüchtern gemessene Insulinsensitivität noch den 24-Stunden-Glukosewert eindeutig, obwohl sich ein anderer Blutzuckermarker veränderte. Studie bei Männern mit Typ-2-Diabetes
Seriös lässt sich daher sagen: REHIT zeigt interessante Ansätze für die Stoffwechselgesundheit, aber noch keinen universellen Effekt. Es ersetzt weder eine Diabetesbehandlung noch ärztlich empfohlenes Bewegungstraining.
Braucht man ein spezielles Ergometer?
Die veröffentlichten Protokolle arbeiten häufig mit Geräten, die den Widerstand exakt auf den Nutzer und seine Leistung abstimmen. Ein normales Indoor-Bike kann für sehr harte Sprintintervalle geeignet sein, bildet ein wissenschaftlich standardisiertes REHIT-Protokoll aber nicht automatisch exakt nach.
Wichtig sind ein stabiler Stand, ein schnell und ausreichend hoch einstellbarer Widerstand sowie eine sichere Sitzposition. Auf dem Laufband sind maximale Sprints wegen des Sturzrisikos keine gute Idee für ungeübte Sportler. Wer das Protokoll möglichst genau umsetzen will, sollte sich von einem qualifizierten Trainer einweisen lassen.
Für wen kann REHIT sinnvoll sein?
REHIT kann interessant sein für Männer, die wenig Zeit haben, ihre Ausdauer verbessern möchten und bereits gesundheitlich belastbar sind. Es kann auch eine kompakte Ergänzung zum Krafttraining sein, wenn längere Cardioeinheiten regelmäßig ausfallen.
Weniger geeignet ist die Methode für Menschen, die gerade erst nach langer Inaktivität wieder beginnen und sofort unbegleitet maximal sprinten wollen. Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, unkontrolliertem Bluthochdruck, Beschwerden an Knie, Hüfte oder Rücken sowie nach akuten Erkrankungen ist eine vorherige ärztliche Abklärung wichtig. Das gilt besonders dann, wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen.
Maximale Belastungen erhöhen Herzfrequenz und Blutdruck innerhalb kürzester Zeit erheblich. Das absolute Risiko eines schweren Ereignisses ist bei gesunden Menschen zwar gering, ungewohnte extreme Belastung kann bei untrainierten Personen mit bestehenden Risiken aber problematisch sein. Vorsicht ist hier keine Schwäche, sondern vernünftige Trainingssteuerung.
So gelingt ein sicherer Einstieg
Wer gesund ist und REHIT ausprobieren möchte, sollte nicht mit zwei kompromisslosen 20-Sekunden-Sprints beginnen. Sinnvoller ist eine schrittweise Gewöhnung:
- Zunächst mehrere Einheiten mit lockerem Radtraining absolvieren
- Danach kurze, kontrolliert harte Intervalle einbauen
- Die Sprintdauer erst allmählich von zehn auf 15 und später 20 Sekunden erhöhen
- Zwischen den Sprints mehrere Minuten locker weiterfahren
- Nach dem zweiten Sprint ausfahren und nicht abrupt absteigen
Zwischen REHIT-Einheiten ausreichend regenerieren
Schwindel, Brustschmerz, ungewöhnliche Atemnot, Herzstolpern oder ein plötzlicher Leistungseinbruch sind Warnsignale. In diesem Fall muss die Einheit beendet und medizinischer Rat eingeholt werden.
Fazit: Enorm zeitsparend, aber kein komplettes Training
REHIT gehört zu den spannendsten Ansätzen für Menschen, deren größtes Trainingshindernis die Zeit ist. Zwei 20-Sekunden-Sprints innerhalb einer rund zehnminütigen Einheit können – regelmäßig über mehrere Wochen durchgeführt – die VO2max und damit die kardiorespiratorische Fitness verbessern.
Die spektakuläre Zahl von 40 Sekunden darf jedoch nicht den Blick auf die Realität verstellen. Die Einheit umfasst Aufwärmen, Erholung und Abkühlen. Die Sprints sind maximal anstrengend. Und die Forschung beruht häufig auf kleinen Gruppen, kurzen Untersuchungszeiträumen und kontrollierten Bedingungen.
REHIT kann ein wirkungsvoller Baustein sein. Für lange Touren, Wettkämpfe, Gewichtsverlust, Muskelaufbau und eine solide Grundlagenausdauer braucht es weiterhin mehr Bewegung. Der größte Vorteil des Konzepts ist deshalb nicht, dass es jedes andere Training ersetzt. Es senkt die Zeithürde so weit, dass „keine Zeit“ als Ausrede deutlich schlechter funktioniert.
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